Was ich euch nicht erzählte – Celeste Ng

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„Im Inneren spürte Lydia alles, was kommen sollte.“

Eltern wollen für ihre Kinder immer nur das Beste. Sie möchten ihnen jeden Wunsch erfüllen, sie glücklich sehen, sie niemals enttäuschen. Dabei vergessen Eltern manchmal, dass sie ihre eigenen Wünsche auf ihre Kinder projizieren; Ziele, die sie eigentlich selbst verfolgt haben, aber gescheitert sind. In ihrem Debütroman Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng, geht es um solche Eltern, die all ihre gescheiterten Ziele auf ihre Tochter übertragen. Diese nimmt die Last auf sich, weil sie ihre Eltern glücklich machen will, merkt anfangs jedoch noch nicht, dass sie droht, unter diesem Gewicht auf ihren Schultern zu zerbrechen.

Der Roman beginnt mit dem Tod von Lydia. Nur der Leser weiß zunächst, dass es keine Hoffnung mehr für das Mädchen gibt. Die Familie hingegen ist vollkommen ratlos, niemand kann sich ihr Verschwinden erklären. Lydia sei immer ein glückliches Mädchen gewesen, das viele Freunde hatte, fleißig und gut und der Schule war, und Ärztin wie ihre Mutter werden wollte, sagen ihre Eltern Marilyn und James der Polizei. Niemals würde sie weglaufen, geschweige denn sich etwas antun. Nur Lydias Bruder Nath hat einen Verdacht: Der Taugenichts Jack aus der Nachbarschaft, der jedes Mädchen der Schule verführt, steckt dahinter. Mit ihm hat Lydia viel Zeit in den vergangenen Wochen verbracht, nur wegen ihm konnte sie auf die schiefe Bahn geraten.

Dann findet die Polizei Lydias Leiche im nahe gelegenen See. Es gibt keine Hinweise auf ein Fremdeinwirken und Lydia konnte nicht schwimmen. Die Polizei hakt den Fall als Suizid ab. Lydias Familie schwört sich, den Mörder ihrer Tochter zu finden und das Verbrechen auf eigene Faust aufzuklären.

Es klingt nach einem gewöhnlichen Kriminalroman. Doch die Autorin Ng nimmt den Leser auf eine andere Art von Spurensuche mit. Was ich euch nicht erzählte handelt von Träume, Enttäuschungen und Schweigen. James, in Amerika geboren, aber Sohn von Chinesen, gehörte nie ganz dazu. Wegen seines Aussehens wurde er verspottet, zudem hielt er sich immer im Hintergrund, damit niemand herausfinden kann, was seine Eltern beruflich machten. Freunde hatte er nie. Marilyn ist das genaue Gegenteil von James. Sie ist schön und klug, weiß ganz genau, was sie will und strotzt nur so von Lebensmut. Ihre Ziele sind ambitioniert: Ärztin will sie werden und nicht bloß eine Hausfrau wie ihre Mutter.

James und Marilyn lernen sich in der 60ern in der Universität kennen. Sie ist Studentin, er Dozent. Eine Liebesgeschichte nimmt ihren Lauf. Marilyn verliebt sich in James, weil er so anders und besonders ist; James in Marilyn, weil sie so normal und gewöhnlich ist. Entgegen dem Willen von Marilyns Mutter heiraten sie – und Marilyn wird von James schwanger. Mit einem Mal zerplatzen ihre Träume von der großen Karriere als Ärztin.

Jahrelang arrangiert Marilyn sich mit ihrer neuen Rolle als Mutter und Hausfrau; ein zweites Kind folgt. Doch sie ist unglücklich und entscheidet sich dazu, ihre Familie zu verlassen, um einen weiteren Versuch im Medizinstudium zu wagen. Ihre Kinder und ihren Ehemann lässt sie ohne ein weiteres Wort im Stich. Eine dritte Schwangerschaft und die pure Ironie des Schicksals zwingt sie zur Rückkehr. Sie muss sich damit abfinden, dass es zu spät und sie gescheitert ist.

„Für sie war es zu spät. Aber es war nicht zu spät für Lydia. Marilyn würde nicht wie ihre Mutter sein und ihre Tochter in Richtung Mann und Haus treiben, in ein Leben, sicher verbracht hinter einem Bolzenschloss. Sie würde Lydia helfen, alles zu tun, wozu sie fähig war. Sie würde Lydia für den Rest ihres Lebens führen und sie beschützen, so wie man eine kostbare Rose hegte: ihr wachsen helfen, sie mit Stücken stützen, jeden Stängel perfekt zurechtbiegen.“ (S. 146)

Von da an ändert sich Lydia im Scheinwerferlicht der elterlichen Aufmerksamkeit. Trost findet sie zunächst nur bei Nath. Dem geht das mangelnde Interesse der Eltern ebenso nahe, wie das Zuviel Lydia. Doch Lydia setzt sich nicht über den Willen ihrer Eltern hinweg. Zu groß ist die Angst, ihre Mutter würde noch einmal verschwinden und dieses Mal nicht wiederkommen.

„Dieses allerwichtigste Wort: morgen. Jeden Tag hielt Lydia sich daran fest. Morgen gehen wir ins Museum und sehen uns die Dinosaurierknochen an. […] Jeden Abend ein kleines, ihrer Mutter abgerungenes Versprechen: dass sie am Morgen noch da wäre. Im Gegenzug hielt auch Lydia ihr Versprechen: Sie machte alles, was ihre Mutter verlangte. Sie lernte, wie man das Pluszeichen schreibt […]. Jeden Morgen übte sie über der Müslischale Addieren mit den Fingern. Vier plus zwei. Drei plus drei. Sieben plus zehn. Sobald ihre Mutter aufhörte, bat sie um mehr, worauf ihre Mutter strahlte, als hätte Lydia ein Licht angeschaltet.“ (S. 149)

Marilyn ahnt nicht, welche Bedeutung ihr Verschwinden für Lydia hat. Sie ahnt nicht, welche Bürde sie ihrer Tochter mit all ihren Träumen auferlegt. Und sie ahnt nicht, was sie damit ihren anderen Kindern Nath und Hannah damit antut. Ebenfalls ahnungslos ist Lydias Vater: James, der sich nichts sehnlicher wünscht, als dass seine Kinder trotz binationalem Hintergrund ahnt nicht, welchen Druck er auf seine Kinder ausübt und wie sehr er sie demütigt. Niemand in der Familie spricht miteinander, nur der Leser erfährt mithilfe der erlebten Rede, was sich tief im Inneren der Figuren abspielt. Nur so kann Ng den Leser ganz nah an die Figuren heranführen und man möchte am liebsten alle schütteln, damit sie endlich ihren Mund aufmachen und miteinander reden. Doch wie der Titel des Romans bereits verrät, offenbart sich niemand dem anderen, Probleme schweigt die Familie tot. Nur die kleine Hannah, jüngstes Spross der Familie, versteht halbwegs, was vor sich geht. Doch zum beharrlichen Schweigen der Familie kommt ein Nichthörenwollen hinzu, immer wieder wird die Kleine beiseitegeschoben, gar vergessen, dass sie existiert.

Was ich euch nicht erzählte ist kein Krimi, der von Gewalt und Action lebt. Vielmehr handelt es sich um einen psychologischen Familienroman, der einfühlsam jedes Mitglied beobachtet und Gedanken und Gefühle beschreibt. Niemand kommt mit seiner Andersartigkeit zurecht, doch der unbedingte Wille dazu löst am Ende eine Tragödie aus. Was ich euch nicht erzählte ist ein beeindruckendes erstes Werk der jungen Autorin Celeste Ng, das noch lange nachhallt.

Celeste Ng: Was ich euch nicht erzählte. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit.
dtv Verlag. München 2016.288 Seiten. 19,90 Euro.

Siehe auch: LiteraturenBücherwurmloch und The Read Pack

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3 Gedanken zu “Was ich euch nicht erzählte – Celeste Ng

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