Der gefährlichste Ort der Welt – Lindsey Lee Johnson

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„Sie taten, was sie konnten, um zu überleben.“

Tristan Bloch lebt im beschaulichen Ort Mill Valley bei San Francisco. Er geht in die achte Klasse. Freunde hat er keine. Andere Mitschüler verspotten und beschimpfen ihn. Nur in Calista Broderick sieht er eine Freundin. Sein tapferer Versuch Freundschaft mit ihr zu schließen schlägt jedoch schrecklich fehl und bringt ihm nur noch mehr Demütigung ein. Sein Liebesbrief an sie wird auf Facebook publik und seine Mitschüler starten eine grausame Mobbing-Kampagne gegen ihn. Die katastrophale Folge: Tristan springt von der Golden Gate Bridge.

Autorin Lindsey Lee Johnson nimmt mit diesem Vorfall den Leser von Anfang an mit. Der Beginn des Romans ist besonders eindringlich, weil Johnson in einem Kapitel Tristans Perspektive zu Wort kommen lässt: Für ein Projekt beschreibt Tristan seine Heimatstadt und in dem Aufsatz reflektiert der Junge auch über sich selbst. Vor seinem Tod kommt der Leser so Tristan noch einmal ganz nahe und erhält tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt.

„Miss Flax, die mir in der Schule manchmal hilft, meint, dass ich klug und besonders bin und alles werden kann, was ich will. Ich sage dann, okay, aber was ihr Lehrer nie erklärt, wenn ihr so was sagt: Wie findet man heraus, was man will?“ (S. 17)

Nach Tristans Tod macht Johnson einen Sprung in der Zeit: Sie blickt fünf Jahre später auf die Mitschüler, die mit Tristans Selbstmord zu tun hatten, und begleitet sie durch die unerträgliche High-School-Zeit. Abigail Cress, die nicht mehr Calistas beste Freundin ist, lässt sich auf eine Affäre mit ihrem Englischlehrer ein. Dave Chu bricht beinahe unter der Erwartungen seiner Eltern zusammen. Nick Brickston verdient sein Geld mit Drogen, illegalen Partys in leerstehenden Häusern und Tests, die er für andere Schüler übernimmt. Elisabeth Avarine, das schönste Mädchen an der Schule, kämpft mit ihrer Einsamkeit. Damon Flintov schafft den Abschluss nicht. Und Calista, immer noch von Schuldgefühlen gequält, hängt mit Hippie-Kiffern herum.

Johnson widmet jeder Figur ein Kapitel und beobachtet sie durch einen personalen Erzähler. Das macht es besonders spannend, weil trotz Wechsel der Perspektiven, die Handlung im Roman chronologisch fortläuft. So steht jedes Kapitel wegen seiner Person für sich, doch knüpft es an jedes weitere an. Für ihre Figuren nimmt sich Johnson viel Zeit und zeigt, wie widersprüchlich und unvorhersehbar Teenager sein können. Mir gefällt besonders gut, dass Johnson ihre Figuren nicht in die für Teenager typische „Keiner-versteht-mich“-Rolle zwängt, sondern gerade Verständnis für sie zeigt, indem sie sie in all ihren Facetten beschreibt. Das macht nicht unbedingt jede Figur sehr sympathisch, dennoch ziehen mich ihre Geschichten mit. Johnsons Roman ist außerdem sehr aktuell: Immer wieder dokumentiert sie, welche verheerende Dynamik Facebook und andere soziale Medien, die mittlerweile zum Erwachsenwerden dazu gehören, entwickeln können.

In ihrem Debüt Der gefährlichste Ort der Welt deckt Lindsey Lee Johnson mit viel Feingefühl die Gefahren des Erwachsenwerdens auf. Zwar betreffen die Probleme im Roman eher Jugendliche einer wohlhabenden, westlichen Gesellschaft, dennoch stellt die Autorin authentisch dar, dass die Teenagerzeit, in der Hoffnung, Angst und Schmerz aufeinander prallen, die wohl schönste und zugleich schlimmste Zeit im Leben sein kann.

Lindsey Lee Johnson: Der gefährlichste Ort der Welt. Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Razum. dtv. 304 Seiten. 21,00 Euro.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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