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Jürgen Dose ist nicht sehr attraktiv, Mitte 40 und Single. Mit seinem Freund Bernd Würmer meinte es das Schicksal nicht weniger gut. Gemeinsam machen sie sich in Heinz Strunks neuem Roman „Jürgen“ auf die Suche nach der Einen und erleben so manch eine Katastrophe.

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„Lache, und die Welt lacht mit dir.“

Jürgen – Heinz Strunk

Jürgen Dose ist Mitte 40, nicht sehr attraktiv und verzweifelter Single. Er geht seinem „Traumberuf“ als Pförtner in einem Parkhaus nach und lebt zwar nicht mehr bei seiner Mutter, sie aber dafür bei ihm. Gemeinsam mit seinem Freund Bernd Würmer, der im Rollstuhl sitzt und ununterbrochen nörgelt und alles besser weiß, macht er sich auf die Suche nach der Richtigen: Beim Speed-Dating, im Internet und über einer Agentur für Partnervermittlung.

Strunk nimmt den Leser mit auf dieser erfolglosen Suche und lässt ihn durch die distanzierte Sicht eines teils emotionslosen, teils ironischen Erzählers die peinlichen Flirt- und Kennenlernversuche von Jürgen beobachten. Jürgens Erfahrungen bringen den Leser dabei zum Lachen, zum Kopfschütteln oder einfach nur zum Fremdschämen. Weil sämtliche unbeholfene Versuche ins Leere laufen, lässt er sich auf Bernds Vorschlag ein: Die Firma „Eurolove“ verspricht Heiratswillige Frauen in Polen – eine vermeintliche Rettung, denn große Ansprüche sollen die Frauen nicht haben.

Ich muss zugeben, dass es mir anfangs schwer fiel, mich nach Strunks letztem Roman Der goldene Handschuh auf Jürgen einzulassen. Die Geschichte des vierfachen Frauenmörders Fritz Honka erschütterte mich, zeigte mir eine furchtbar trostlose und kaputte Welt und brachte mich dennoch mit seinem grotesken Humor zum Lachen. Von allen Seiten wurde der Roman bejubelt, war für mehrere Preise, u.a. den Preis der Leipziger Buchmesse, nominiert. Von Jürgen, eine Geschichte über das traurige Single-Dasein, hörte man in diesem Jahr jedoch kaum etwas. Was mag Strunk sich bei diesem Roman gedacht haben?

Natürlich ist Jürgen ganz anders als Der goldene Handschuh. Aber jeder Text verdient es, als solcher betrachtet zu werden, wie er nun einmal ist. Ohne Vorurteile, ohne Vergleiche. Und siehe da: Jürgen enttäuschte mich nicht. Schnell wurde mir zu meiner großen Freude bewusst, dass Strunk sich selbst treu bleibt. Er nimmt sich solchen Figuren an, die am Rande der Gesellschaft stehen und lässt sie durch das unerbittliche Leben stolpern. Das betonte er auch in einem Interview mit der Zeit: „Es wäre langweilig, sich über Gewinnertypen auszulassen. Ich habe eh schon ein starkes Mitgefühl für die Verlierer.“

Seine Figuren zeichnet Strunk deshalb gewohnt mit Liebe zum Detail. Protagonist Jürgen sowie Nebenfiguren wirken durch Empathie und Fingerspitzengefühl des Autors authentisch. Und vor allem schafft Strunk es wieder, mich mit seiner Situationskomik zum Lachen zu bringen – großes Vergnügen bereitete mir zum Beispiel Jürgens Date mit seiner Online-Bekanntschaft Manuela – zugleich aber Bestürzung auszulösen, weil die Realität eigentlich gar nicht lustig ist, sondern traurig.

Wunderbar sind auch Strunks Entlehnungen aus all möglichen Beziehungsratgebern, die er im Roman als Jürgens Sicht auf die Frauenwelt ausgibt und ins Absurde überspitzt. Jürgen kennt jede Menge bescheuerte Tipps, mit denen er eine Frau für sich gewinnen kann. Doch in der Realität bringen sie Jürgen nicht ans Ziel und zeigen nur, dass es keine Zauberformel für die Liebe gibt.

„Ein weiterer Indikator für ihr Interesse: Sie zieht Augenbrauen und obere Augenlider hoch, öffnet dabei leicht den Mund und schürzt die Lippen. Auch der Anstieg der Blinzelrate ist ein gutes Zeichen. Wenn eine Frau flirtet, blinzelt sie meist drei- bis fünfmal schnell hintereinander. (…) Wenn sie ihre Achselhöhlen präsentiert, möchte sie den Mann an ihren hochwirksamen Pheromonen, also den weiblichen Lockstoffen, teilhaben lassen.“ (S. 25)

Strunks Roman lebt von authentischen Figuren, Strunks bizarrem Humor und seinem scharfen Blick auf die Realität und menschliche Abgründe. Wer ein Fan davon und von Strunks klugem Sprachwitz ist, wird von Jürgen begeistert sein.

Heinz Strunk: Jürgen. Rowohlt. 255 Seiten. 19,95 Euro.
Die Verfilmung „Jürgen – Heute wird gelebt“ ist noch bis zum 19.12.2017 in der ARD Mediathek zu sehen.

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