Herz auf Eis – Isabelle Autissier

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„Der Wind wird ihre Fußabdrücke schnell verwehen.“ (S. 23)

Es sollte eine Auszeit vom Alltag werden, ein langer Ausflug zum Vergnügen. Obwohl für Louise alles bestens in ihrem Pariser Großstadtleben ist, lässt sie sich von ihrem Geliebten Ludovic zu einer Weltreise überreden. Das junge Paar kauft sich eine Segeljacht, um den Atlantik zu überqueren. Sie genießen ihre neugewonnene Freiheit, bis plötzlich Schluss damit ist: Ein Gewitter reißt ihre Jacht fort, als sie auf einer verlassenen Insel vor Kap Hoorn einen Ausflug machen. Ihre Verbindung zur Außenwelt reißt ab. Louise und Ludovic steht ein Überlebenskampf in einer eisigen und stürmischen Gegend bevor. Viel Hoffnung auf eine Rettung besteht nicht. Zur Insel, eigentlich ein Naturschutzgebiet, kommen nur Forschungsschiffe. Und die sind erst nach dem Winter zu erwarten.

Zunächst klingt Herz auf Eis von Isabelle Autissier nach einem Abenteuerroman. Die Autorin weiß, worüber sie schreibt. Autissier ist die erste Frau, die allein die Welt umsegelte. Ihr Leben hat sie mehrfach aus Spiel gesetzt, und sie musste sogar spektakulär gerettet werden. Ihre Erfahrungen verleihen dem Roman ein schöne und kraftvolle Sprache. Authentisch beschreibt sie Wetter, Wildnis und Einsamkeit auf der Insel.

Doch Autissier lässt ihre Protagonisten nicht nur um ihr Leben kämpfen, sondern auch um ihre Seele. Louise und Ludovic sind nun abhängig von der Natur, nicht aber voneinander. Und so dreht sich der Roman um die Fragen: Was bleibt von der Liebe, wenn es ums Überleben geht? Und wenn es nicht mehr Liebe ist: Was bleibt von der Menschlichkeit? Louise und Ludovic werden zu Einzelkämpfern, aus dem Miteinander ein Gegeneinander, Wut auf den anderen schlägt in Gleichgültigkeit um. Zwischendurch keimt Hoffnung auf Rettung auf, doch wird sie schnell zunichte gemacht, und die Situation erscheint umso tragischer.

„All diese Dinge, die sie einst gelernt haben, erscheinen ihnen schon so weit weg, fast unnütz. Sie gehören zu ihrer Kultur, sind Teil dessen, was als Grundordnung ihrer Gesellschaft gilt, doch sind sie hier von irgendeinem Wert?“ (S. 74)

 

Dass Louise stärker als Ludovic ist, zeigt sich bereits zu Beginn ihres Schicksals: Ludovic will noch am gleichen Tag ihr letztes Proviant essen; Louise will es sich aufheben. Sie ist bedacht; überlegt, bevor sie etwas dem Zufall überlässt. Auf ihre Stärke deutet auch der Erzähler hin: Von Anfang an fokussiert er ihre Gedanken und Gefühle. Ludovic bleibt zurück.

Der Überlebenskampf nimmt – überraschend – in Herz auf Eis rund zwei Drittel des Romans ein. Dann kehrt Autissier die Extremsituation um: Die Erfahrung in der Wildnis trifft nun auf Zivilisation, Einsamkeit auf Aufmerksamkeit, Erlebtes muss nun verarbeitet werden. Allerdings werden hier wiederum Schwächen im Roman sichtbar: Den Nebenfiguren fehlt es an Glaubwürdigkeit, ihre Handlungen sind vorhersehbar und verlieren sich teilweise in Ausschweifungen.

Dennoch: Herz auf Eis von Isabelle Autissier ist ein spannender Roman, der an das Moralverständnis jedes Einzelnen appelliert und ihn zwingt, sich der unbequemen Frage zu stellen: Was würde ich tun?

Isabelle Autissier: Herz auf Eis. Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig. Büchergilde Gutenberg. 224 Seiten. 17,95 Euro.

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2 Gedanken zu “Herz auf Eis – Isabelle Autissier

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