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Alles, was ich nicht erinnere – Jonas Hassen Khemiri

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„Ich rede mir ein, dass ich ein Teil der wirklichen Welt bin, dass Wörter nicht wichtiger als Menschen sind, dass ich nichts anderes will, als zu versuchen zu verstehen, was geschehen ist.“ (S. 315)

War es ein Unfall oder Selbstmord? Wieso raste Samuel im Wagen seiner Großmutter ungebremst gegen einen Baum? Warum musste er mit gerade einmal 27 Jahren sterben? Diesen Fragen geht der Autor Jonas Hassen Khemiri in seinem Roman Alles, was ich nicht erinnere nach und begibt sich auf Spurensuche.

Khemiri bzw. die namenlose Erzähl-Instanz befragt Freunde, Bekannte und Familie. Mit einem Diktiergerät ausgestattet, nimmt er die Gespräche mit ihnen auf. Und gibt sie im Roman auch so wieder, ohne sie vorher bearbeitet zu haben, wie es zunächst scheint. Eine Sammlung von verschiedenen Ich-Perspektiven entsteht. Khemiri bringt den Leser sehr nah an Figuren und Geschehenes, und macht sie lebendig für den Leser. Der Autor selbst rückt dabei in den Hintergrund, gerät fast völlig in Vergessenheit. Nur wenn hin und wieder eine der Figuren im Gespräch Khemiri direkt adressiert, denkt man kurz: Ach ja, da war ja noch jemand, der das alles losgetreten hat.

Doch auch die Anordnung der verschiedenen Ich-Perspektiven zeigt, dass hier ein Autor am Werk war, und entlarvt die vorgetäuscht Unmittelbarkeit. Die Passagen sind nicht in chronologischer Reihenfolge, der Autor springt von einem Punkt zum nächsten während die Stimmen abwechselnd in nur kurzen Sätzen zu Wort kommen. Ein weiteres Indiz für den Autor: Obwohl er die journalistische Textform eines Interviews im Roman anwendet, so nimmt er doch seine eigenen Fragen und Bemerkungen vollständig raus. Selbst dann, wenn die Figuren ihn direkt ansprechen.

Wer spricht, ist für den Leser nicht sofort klar erkennbar. Auch die Sprünge in Vergangenheit und Gegenwart überfordern zunächst. Es braucht Zeit, die Figuren im Roman kennenzulernen und zuordnen zu können. Stück für Stück nähert man sich ihnen jedoch und damit auch Samuel. Die Sprache, die authentisch sein soll, um die Nähe zu den Personen zu unterstreichen, erleichtert das Lesen mit ihrer Einfachheit.

Drei Personen spielten bis zu Samuels Tod eine wichtige Rolle in seinem Leben: Sein Mitbewohner Vandad, seine große Liebe Laide und eine alte Freundin, die sich Pantherin nennt. Alle beschreiben einen anderen Samuel. Alle behaupten, ihn am besten gekannt zu haben. Und alle glauben, genau zu wissen, wie die anderen Menschen in Samuels Umfeld ticken, und dass diese Schuld an seinem Tod haben. Und doch wird beim Lesen bewusst, dass man einen Menschen niemals richtig kennen kann. Immer wird es eine Seite geben, die einem verborgen bleibt.

Jonas Hassan Khemiri erschafft in Alles, was ich nicht erinnere eine temporeiche, komplexe und herausfordernde Handlung. Immer weitere Details über Samuel, Konflikte und Widersprüche eingebettet in aktuelle Probleme von Flüchtlingen in Schweden werden sichtbar. Die Atmosphäre ist den gesamten Roman über sehr beunruhigend und angespannt. Am Ende bleibt nur ein junger Mann, der daran verzweifelte, seine Identität und den Sinn des Lebens zu finden.

Jonas Hassen Khemiri: Alles, was ich nicht erinnere. Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann. Deutsche Verlags-Anstalt. 330 Seiten. 19,99 Euro.

Eine weitere Rezension findet ihr bei letteratura.

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Ein Kommentar zu „Alles, was ich nicht erinnere – Jonas Hassen Khemiri

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