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Geschichte des Scheiterns

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Und was machen Sie beruflich? – Rolf Dobelli

„Und was machen Sie beruflich?“ ist eine harmlose Frage, oder zumindest ist sie meistens nicht böse gemeint. Man stellt sie in allen Variationen auf Partys, bei Dates oder Familienfeiern. „Unter Männern wird sie früher gestellt als unter Frauen. Von Mann zu Frau früher als von Frau zu Mann.“ (S. 55) Arbeit gehört nun mal zum Leben dazu und so geht man davon aus, dass jeder Mensch einen Beruf ausübt. Außerdem besteht so die Chance, ein Stück weit mehr über einen Menschen zu erfahren, da Arbeit heute mit viel mehr mit der eigenen Persönlichkeit zu tun hat: Wer seinen Wunschberuf ausübt, hat sich selbst verwirklicht, hat sein Leben gemeistert.

Kündigung kommt einem Erdbeben gleich

Gehrer wüsste zunächst nicht, was er auf solch eine Frage antworten könnte. Nach acht Jahren Arbeit als Manager in einem internationalen Unternehmen in der Schweiz wurde er gefeuert. Nun gehört er zu den Arbeitslosen, die er selbst vorher als Arbeitsunwillige beschimpft hat. Die Kündigung kommt überraschend für den 40-Jährigen, auch wenn die Folgen der Wirtschaftskrise schon zuvor zu spüren gewesen sind. Wie ein vages Erdbeben, das Gehrer nur durch sein leichtes Zittern wahrnimmt.

Rolf Dobelli nutz diese Naturmetaphorik gleich zu Beginn des Romans Und was machen Sie beruflich?. Wie bei einem Erdbeben sind die Wirtschaftskrise und die Kündigung Gehrers erst eine kleine Erschütterung. Welche verheerenden Auswirkungen folgen, ergibt sich erst später. Gehrer nimmt die Nachricht gefasst auf, doch als er am Abend seiner Frau Jeanette, die gerade die Karriereleiter als Rechtsanwältin hinaufklettert, macht er einen Rückzieher und tischt ihr eine Lüge auf: Er sei befördert worden und müsse direkt am nächsten Tag in die USA zu einer Direktorenkonferenz reisen.

Absurde Anforderungen an Arbeitnehmer

Gehrer verreist wirklich – in die Karibik -, die Direktorenkonferenz hält er allerdings mit sich selbst. Mit im Gepäck ist sein Ratgeber Durchstarten zum Traumjob! des Amerikaners Richard Nelson Bolles. Gehrer erfindet sich nach der Zeit in den USA nicht neu, doch er findet wieder zu sich zurück und kehrt voller Tatendrang und Hoffnung wieder in die Schweiz zurück. Ein Bewerbungsmarathon folgt, im Text nur durch Fragen der Personaler dargestellt. Neben Klassikern wie „Herr Gehrer, schildern Sie mir doch nochmals in Stichworten Ihren beruflichen Werdegang.“, „Was hat Sie dazu bewogen, sich auf diese Stelle zu bewerben?“ und „Welches sind Ihre größten Schwächen?“ rutschen die Fragen immer mehr ins Absurde ab: „Was liegt Ihnen näher: a) einem Kind einen Zahn aus dem Mund zu schlagen oder b) mit der Zunge Staub vom Boden zu lecken?“, „Weinen Sie mal! Los! Weinen Sie mal!“ oder „Angenommen, Sie würden entführt. Was wäre Ihrer Meinung nach einen vernünftige Lösesumme?“ (S. 91 ff.)

Gehrers Bemühungen bleiben erfolglos, nach zehn Wochen gibt er auf, einen anderen Managerjob zu finden. Er probiert sich erfolglos als Fahrlehrer, seine Frau unterstützt ihn dabei finanziell. Gehrer ist durchaus zufrieden mit seinem neuen Job, doch er lässt sich von dem Leitparadigma der heutigen Arbeitswelt beeinflussen:

„Das wichtigste am Job sei die Begeisterung. Ohne Begeisterung keine Leistung, ohne Leistung keine Kunden und ohne Kunden kein Geld. Ähnliches hat er schon in der Karibik gelesen. Wird schon stimmen.“ (S. 146)

Schließlich wird Gehrer Hausmann, der Sinn dieser Arbeit erschließt sich ihm allerdings nicht. Seine Persönlichkeit stürzt immer mehr in sich ein. Zur Folge dieser Belastung für die Beziehung trennt Jeanette sich von ihm.

Zum Scheitern verurteilt

Die Frage „Und was machen Sie beruflich?“ wird für Gehrer eine existenzielle Frage. Er ist zum Scheitern verurteilt, denn mit seinem Denken über Arbeit wird er nicht mehr aus der Arbeitslosigkeit hinausfinden. Rolf Dobelli, der selbst jahrelang als Finanzchef und CEO für verschiedene Konzerne tätig war und Ratgeber veröffentlichte, spielt mit Anforderungen, denen heutige Arbeitnehmer ausgesetzt sind. Er zeigt, wie widersprüchlich und absurd sie sein können und sich dennoch tief ins Bewusstsein der Menschen einschleichen, so wie bei Gehrer, der nicht glauben kann, dass Arbeit manchmal einfach nur da ist, um gemacht zu werden und nichts mit einem Menschen selbst zu tun haben muss. Ein herrlicher Roman, der zum Lachen bringt, aber einen tragischen Punkt trifft.

Rolf Dobelli: Und was machen Sie beruflich? Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2004. 236 Seiten. 18,90 Euro.

Siehe auch: Leseprojekt

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