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Außer Atem

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Die Frau, die allen davonrannte – Carrie Snyder

Aganetha Smart hat bereits die 100 überschritten. Sie lebt in einem Altenheim, von ihren Verwandten ist niemand mehr übrig. Eines Tages tauchen zwei junge Menschen, Kaley und ihr Bruder Max, auf und geben vor, mit Aganetha einen Spaziergang unternehmen zu wollen. Jedoch ist allen drei klar, dass Aganetha nicht mehr ins Heim zurückkehren wird. Kaley und Max wollen einen Film über Aganetha drehen, denn einst war die Greisin eine kühne Pionierin im Laufsport: 1928 gewann die junge Aggie entgegen jeglicher Erwartungen für Kanada die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Amsterdam – es war das erste Mal, dass Frauen in beim 800-Meter-Lauf und einigen anderen Leichtathletik-Kategorien teilnehmen durften. In ihrem Debütroman Die Frau, die allen davonrannte erzählt Carrie Snyder die Geschichte einer ehemals berühmten Sportlerin, die während Kaley und Max sie entführen, ihre Erinnerungen Revue passieren lässt.

Dementsprechend ist der Roman auch aus Aganethas Sicht geschrieben. Der Leser erhält tiefe Einblicke in ihre Gedanken und Gefühlswelt, und kommt ihrer Persönlichkeit sehr nahe. Bereits früh musste Aganetha schwere Schicksalsschläge ertragen, ihre Halbschwester und zugleich beste Freundin Fanny, die zunächst einen wichtigen Teil der Geschichte annimmt, erliegt einer Grippe. Später taucht Glad in Aganethas Leben auf: Sie nimmt Fannys Platz als beste Freundin ein, ist aber gleichzeitig ihre stärkste Rivalin im Laufsport. Zwar besiegt Aggie sie im entscheidenden Rennen 1928 in Amsterdam, jedoch muss sie sich in Sachen Liebe geschlagen geben: Aggies erste Liebe Johnny entscheidet sich für Glad.

„Ich finde nicht in meinen Körper; es ist ein einziger Kampf. Ich treibe haltlos dahin Treibe dem Verschwinden entgegen. Außer beim Laufen. Wenn ich laufe, bin ich zugleich in meinem Körper und außerhalb. Ich spüre diese extremsten körperlichen Anstrengungen, während ich gleichzeitig völlig frei fühle, als flöge ich auf und davon. Ich will ich nicht daran erinnern, was mir passiert ist. Ich will nicht über die Vergangenheit nachdenken. Ich kann es in gewisser Weise gar nicht. Ich bin für Reue nicht geschaffen.“ (S. 269)

Doch nicht nur Freundschaft ist ein zentrales Motiv in Die Frau, die allen davonrannte, auch Familie, Laufsport, Berühmtheit, Verantwortung, Erfolg und Identität spielen eine wichtige Rolle – und überladen so die gesamte Geschichte. Aganethas Erinnerungen verlaufen nicht chronologisch, was durchaus eine schöne Erzähltechnik sein kann, jedoch verliert sie sich, und damit auch der Leser, in ihren Erinnerungen. Da ist die 104-jährige Aganetha im Hier und Jetzt, dann selbe Person als 20-Jährige, zwischendurch als 40-Jährige. Verwirrung wird aber erst so richtig gestiftet, indem Snyder eine ganze Mannschaft an Familienmitglieder einführt, die alle einschneidende Veränderungen in Aganethas Leben auslösen. Ein dem Roman beigefügter Stammbaum soll helfen, den Überblick zu behalten, dennoch geraten Details, eben wegen der verschiedenen Ebenen an Rückblenden, schnell in Vergessenheit. Ein Familienmitglied nach dem anderen stirbt weg, jede Katastrophe wird lieblos abgehandelt, fertig. Zurück bleibt ein ratloser Leser, der vor den Scherben einer zerbrochenen Familie steht und nicht weiß, wohin damit. Am Ende wird nicht überraschenderweise noch ein weiteres Familiengeheimnis gelüftet, das sich durch die ganze Geschichte gezogen hat, aber vorhersehbar war.

Dabei ist der Plot so vielversprechend: Eine vergessene Olympiasiegerin, die einen Meilenstein für den Frauensport legte und sich Vorurteilen, Diskriminierung und Ausbeutung widersetzte – in einer Zeit, die so prägend für die nachfolgenden Jahre war. Snyder hätte sich auf den Laufsport konzentrieren sollen, gerade Beschreibungen von Aganethas Training, Wettbewerben und regelmäßigen Runden am Abend zeigen die Stärken der Autorin. So bleibt es jedoch ein Debütroman, der nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut ist. Snyder geht beim Erzählen zeitweise die Puste aus, der Leser muss hingegen einen langen Atem unter Beweis stellen.

Carrie Snyder: Die Frau, die allen davonrannte. btb. München 2016. 352 Seiten. 19,99 Euro.

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4 Kommentare zu „Außer Atem

  1. Hallo,
    vielen Dank für diese schöne, aufschlussreiche Rezension. Das Buch habe ich noch auf meiner Wunschliste stehen und war mir bisher nicht sicher, ob ich es mir jetzt schon zulegen möchte oder nicht. Ich werde wohl doch eher noch etwas warten und es erst mal hinten anstellen.
    Liebe Grüße, Vanessa

    Gefällt 1 Person

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