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Alte Heimat vs. neue Heimat

Nachts-ist-es-leise-in-Teheran-Shida-Bazyar

Generationen- und Gesellschaftsroman in einem – das gelingt Shida Bazyar in ihrem Debütroman Nachts ist es leise in Teheran. Die Autorin lässt darin vier Stimmen einer Familie zu Wort kommen, jeweils um zehn Jahre versetzt. So vertreten sie gleichzeitig die Stimmen einer Generation.

Den Anfang macht der Familienvater Beshad 1979, der sich mitten in der Revolution vom Iran befindet. Der Schah ist endlich fort, die Revolutionäre feiern Erfolge. Nun kann es besser werden, die Amerikanisierung mit dem Kapitalismus hat ein Ende. Doch schon bald spalten sich auch die Revolutionäre unter ihnen. Vorher hatten sie noch ein gemeinsames Ziel vor Augen, nun müssen sie sich für eine Seite entscheiden. Die Revolution entpuppt sich als Islamische Revolution. Wer sich gegen den Glauben an Gott ausspricht, der wird in das Evin-Gefängnis gesperrt, in dem vorher noch Männer waren, die von den Revolutionären selbst befreit wurden.

Beshad widersetzt sich trotz aller drohenden Gefahren den Geistlichen, die von nun an das Land beherrschen sollen. Gemeinsam mit anderen Vertretern der Kommunisten, unter ihnen seine Kindheitsfreunde Sohrab und Peyman, plant er schon die nächste Revolution. Doch sie scheitert noch bevor sie wirklich beginnen konnte. Beshad muss in den Untergrund.  Doch weil er sich in Nahid verliebt hat, entscheidet er sich für das Exil.

1989, zehn Jahre später erzählt Nahid vom Leben in Deutschland. Beshad und Nahid haben den Iran verlassen, mit ihren beiden Kindern Morad und Laleh. Vielmehr geht es um ihre Sehnsucht nach der Heimat und dem Zurechtfinden im Exil. Die jungen Eltern schienen während ihrer Zeit im Iran noch selbstbewusst, sie strotzten wie viele junge Menschen nur so voller Tatendrang. Davon ist nicht mehr viel übrig. Nahid wirkt verloren, kann die deutsche Mentalität nicht nachvollziehen und selbst die deutsche Sprache scheint ihr lieblos gegenüber dem Persischen. Beshad hängt ebenfalls sehr an seiner Heimat. Radioaufnahmen von iranischen Nachrichten lassen ihn das Hier und Jetzt vergessen, täglich versinkt er in ihnen und spricht immer weniger. Nahid gibt sich auf eine andere Weise ihren Erinnerungen hin. Täglich schaut sie sich stundenlang Videoaufnahmen an, Videos von ihrer Familie in ihrer Heimat. Nahid erzählt weniger von den Konflikten der Revolution. Man erfährt nur, dass ihr Freund Peyman inhaftierte wurde und seitdem keiner mehr etwas von ihm gehört hat.

Weitere zehn Jahre später reist Nahid mit ihren Kindern zurück nach Teheran. Zum ersten Mal, seit sie nach Deutschland geflüchtet sind. Mit ihren Töchtern, Tara, die in der Zwischenzweit geboren wurde, und Laleh, aus deren Perspektive nun erzählt wird. Beshad bleibt in Deutschland, zu groß ist die Angst, er könne verhaftet werden. Laleh konnte sich gut integrieren, sie ist der deutschen Sprache mächtig, übersetzt für ihre Eltern, hat deutsche Freunde, sogar einen deutschen Freund, und geht auf eine deutsche Schule. Mit den Exiliranern hat sie wenig zu tun. Die Unsicherheit, die sie an ihren Eltern so hasst, muss sie in Teheran selbst erleben. In diesem Land ist sie nun die Fremde, kennt nicht einmal jedes Familienmitglied ihrer großen Verwandtschaft, spricht die Sprache nur gebrochen und kennt nicht alltägliche Dinge, die die Menschen hier unternehmen, in welchen Läden die Frauen etwa gerne einkaufen oder man die Geschäfte schließen. In ihrer Unsicherheit erinnert Laleh sich an ihre Kindheit im Iran. Als sie zehn Jahre alt war, flüchteten ihre Eltern mit ihr und ihrem Bruder. Heute ist sie eine Fremde in ihrer Heimat, mit der sie eigentlich kaum mehr etwas gemeinsam hat.

Ähnlich wie sie fühlt sich ihr jüngerer Bruder Mo. Einmal war er bisher in seiner Heimat und fühlte sich als Fremder, als Ausländer, obwohl ihn alle in Deutschland als einen Iraner beschreiben würden. Es ist das Jahr 2009. Im Iran ist die Grüne Revolution ausgebrochen, deren Entwicklung Mo ständig in den Nachrichten verfolgt. Trotz des Gefühls eines Fremden spürt Mo eine Verbundenheit mit der Heimat, in der er nur geboren ist. Zunächst ist er ruhelos und weiß nichts mit sich anzufangen. Zu seinen Verwandten im Iran pflegt er kaum Kontakte.  Doch er beschließt, sich zu beteiligen, nimmt an Demonstrationen teil und richtet sich ein Facebook-Account ein, um seine Verwandten im Iran zu finden.

Im letzten Teil, im Epilog, kommt Tara zu Wort. Das Jahr wird nicht erwähnt, jedoch erfährt Tara, als sie aus dem Urlaub mit ihrer Nichte zurückkommt, dass die Herrschaft unter den Mullahs anscheinend ein Ende hat.

Shida Bazyar zeichnet auf nicht einmal 300 Seiten ein umfassendes Bild einer Familie von mehreren Generationen, ohne sich dabei zu übernehmen oder die Geschichte ausufern zu lassen. Bemerkenswert ist dabei das Einfühlungsvermögen der jungen Autorin, womit sie sich in die verschiedenen Figuren hineinversetzen kann. So beschreibt Bazyar, von welchen widersprüchlichen Gefühlen Beshad und Nahid geplagt sind: Einmal das Ankommen und Annehmen der neuen Heimat, andererseits der still gehegte Wunsch, wieder in die alte Heimat zurückkehren zu dürfen. Die Kinder der beiden befinden sich in einer Art Schwebezustand: Laleh und Mo können sich zunächst nicht zurechtfinden und wissen nicht, an welchen Ort sie gehören, auch wenn sie in Deutschland aufgewachsen sind. Hier werden sie dennoch als Iraner bezeichnet, in der vermeintlichen Heimat jedoch sind sie Fremde.

Bazyars ausgewählten Jahre für die Erzählungen sind zwar entscheidende Jahre für die Protagonisten, jedoch verfestigen sie den Roman nicht bloß auf die Geschichte des Irans, vielmehr lässt sie sich aufgrund ihrer Thematik auf Schicksale anderer Exilanten übertragen und machen den Roman deswegen zu einem hochaktuellen und zeitlosen – und damit zu einem beeindruckenden und absolut empfehlenswerten Romandebüt.

Shida Bazyar: Nachts ist es leise in TeheranKiepenheuer & Witsch. Köln 2016. 288 Seiten. 19,99 Euro.

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