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Die Geschichte des Regens – Niall Williams

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„Menschen sind merkwürdige Geschöpfe, das ist mein Leitmotiv.“ (S. 39)

Ruth Louise Swain ist ans Bett gefesselt und wird es nicht mehr verlassen können. Sie ist so schwach, dass sie nicht einmal mehr aufstehen kann. Warum, erklärt sie vorerst nicht, jedoch stimmt mit ihrem Blut etwas nicht. Was macht ein 19-jähriges Mädchen, das kaum mehr am Leben teilnehmen kann? Ruth flüchtet sich in literarische Welten. Unterm Dach, wo sie täglich dem Prasseln des Regens zuhören kann. Sie ist umgeben von den Büchern ihres Vaters Virgil, knapp 4000 sind es. Er hat sie alle gelesen, und sie tut es ihm nicht nur nach, sondern folgt seiner Spur in ihnen. Und mit ihm erweckt sie auch all ihre literarischen Vorbilder zum Leben.

Dennoch geht in Niall Williams Die Geschichte des Regens vordergründig nicht um Ruths Krankheit, sondern um ihre Familie, insbesondere Virgil, deren Geschichte die junge Frau erzählen möchte. Dabei nimmt sie rückblickend Familienmitglieder, ihren Heimatort Faha und andere Bewohner in den Blick. Detailgetreu beschreibt sie die Menschen, ohne zu bewerten oder urteilen.

„Dies ist die Geschichte meines Vaters. Ich schreibe sie, um ihn zu finden. Aber um dort anzukommen, wo man hinwill, muss man zunächst rückwärtsgehen. So lauten in Irland die Wegbeschreibungen, und außerdem ist das von T. S. Eliot.“ (S. 13)

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Ruths Familienchronik folgt dabei nicht unbedingt einem roten Faden oder einem Stammbaum, vielmehr plappert Ruth drauf los und erzählt, was ihr in den Sinn kommt. Immer wieder werden Anekdoten über die Familie, die Geschichte von Faha und Naturbeobachtungen eingeschoben. Der Regen und Fluss sind dabei immer wieder wichtige Elemente, die Ruth in ihre Geschichte miteinfließen lässt. Zudem stellt Ruth viele Überlegungen an, erfindet sicherlich auch Begebenheiten, und wird so zu einem Erzähler. Nebenbei erfährt der Leser von der Krise der Weltwirtschaft, die nicht spurlos an den Bewohnern Irlands vorbeigegangen sind.

Ruths Erzählung ist mit überzähligen Verweisen gespickt, jeder Satz strotz nur so von ihrem Wissen über die ganz Großen in der Literaturgeschichte – Wissen, das nicht jeder Leser in dem Maße hat. Die Lektüre von Die Geschichte des Regens erfordert enormes Durchhaltevermögen und hohe Konzentration. Zu Verweisen, Zitaten und Anspielungen kommt Ruths ungewöhnlicher Schreibstil hinzu: Worte, die Sie für Wichtig hält, schreibt sie Groß, ohne auf die Richtige Groß- und Kleinschreibung zu achten. So sagt Mrs Quinty, ihre Deutschlehrerin:

„Ich sei dieser lebende Anachronismus: Eine Bücher-Leserin, und dadurch hätte ich beim Schreiben eine exzentrische Stilistische Überfülle entwickelt, neigte zu Bedenklichen Anleihen und Unkontrollierten Gedankensprüngen, und außerdem müsse ich Unbedingt meine Tendenz zur Betonung durch Großschreibung ablegen.“ (S. 24)

Wer den Berg des ersten Teils im Roman erklommen hat, wird mit einer tragischen und leicht skurrilen Familiengeschichte belohnt, in der Ruth versucht, ein Stück von sich Selbst und den Sinn des Lebens zu finden. Ihre klugen, witzigen und sarkastischen Reflektionen über Literatur sollen dabei nicht abschrecken, vielmehr bereitet es Freude beim Lesen, wenn man die ein oder andere Anspielung versteht. Die Geschichte des Regens ist eine poetische Geschichte über Familie, Literatur, Vergangenheit und Gegenwart.

Niall WilliamsDie Geschichte des Regens. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Deutsche Verlags-Anstalt. München 2015. 416 Seiten. 22,99 Euro.

Eine weitere schöne Rezension zum Buch gibt’s auf Readpack.

(Foto von uschi dreiucker  / pixelio.de)

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7 Kommentare zu „Die Geschichte des Regens – Niall Williams

    1. Hallo Juliane. Ja, an manchen Stellen kam ich schleppend voran, dennoch ist es ein Roman, den ich empfehlen würde. Im Studium habe ich weit schleppendere Texte gelesen.
      Zu den Großen der Literatur gehören u.a. T.S. Eliot (siehe Zitat), Jane Austen, Dickens, die Brontës oder Tolstoi. Manchmal sind es bloß Aufzählungen, oft Anspielungen oder Zitate. Mal fallen sie detaillierter, mal weniger detailliert aus. Meistens verweist die Erzählerin auf Werke, deren Thematik gerade ihrer Erzählung ähnelt. Beispielsweise geht es einmal um Phantasie. „Mein Vater hat in seiner Bibliothek eine ganze Abteilung nur zu diesem Thema.“ Dann erzählt sie kurz, welche Bücher sie meint, und worum es in ihnen geht. Oder sie wirft Sätze auf diese Weise ein: „Es ist wie mit den Tänzen bei Jane Austen, Vorstoß und Rückstoß, hier allerdings mit Schlamm und Gewehren.“ Als hätte wäre sie selbst eine Figur in den Geschichten gewesen.
      Ein schönes Wochenende noch. Viele Grüße,
      Christina

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      1. Klingt nach einem Buch, das frustrierend und motivierend zugleich sein kann. Frustrierend, wenn man mal wieder merkt, dass man den ein oder anderen Klassiker noch nicht gelesen hat. Motivierend, weil solch eine Lektüre natürlich anregt, das endlich mal in Angriff zu nehmen. Und selbst deine Rezension hat mich mal wieder daran erinnert, am besten auch mal wieder „die Großen“ zu lesen. Sehr gut, du Motivatorin! Hihi
        Ich glaube, das Buch wandert trotzdem nicht auf meine Wunschliste, deine Rezension mag ich aber!
        Einen guten Start in die Woche!
        Juliane

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      2. Ja, das mit den Klassikern ist immer so eine Sache. Davon stehen jede Menge auf meiner Leseliste, aber ich habe es dann doch irgendwann aufgegeben, weil ich mich derzeit lieber mit Gegenwartsliteratur beschäftige. Ich glaube, das ist auch entschuldbar, weil in 5 Jahren Literatur-Studium doch jede Menge an Klassikern zusammenkam. Aber es freut mich, dass ich dich dazu motivieren konnte 🙂 Ich hoffe, du lässt uns daran auf deinem Blog teilhaben.
        Viele liebe Grüße, Christina

        Gefällt 1 Person

  1. Pingback: buchlese

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