Albuquerque – Florian Wacker

Albuquerque-Florian-Wacker
„Ich wusste, dass etwas kommen würde, und dann kam es.“ (S. 13)

14 Kurzgeschichten, wunderschön eingebunden, legt Florian Wacker als Debütroman vor. Alle sind sie von Figuren und Handlungen her vollkommen unterschiedlich, jedoch haben sie eine Thematik gemeinsam: In Albuquerque geht es um Chancen, die verpasst oder genutzt wurden, um Entscheidungen, die ein ganzes Leben aus der Bahn werfen können. Es geht um Menschen aus jeder Altersgruppe, die sich durch ihren Alltag schlagen und irgendwann in die Situation geraten, in der sie alles ändern könnten.

Wacker fängt solche Momente des kurzen Innehaltens und der Veränderung auf wenigen Seiten ein. Doch nicht immer steht die Person im Mittelpunkt, die das Leben umgekrempelt hat. So handelt die erste Kurzgeschichte „Serpentinen“ vom tristen Leben dreier Straßenarbeitern. Eigentlich von zwei, denn einer von ihnen, Bunge, macht sich ohne ein Wort oder eine Erklärung auf und davon. Zurück bleiben seine Kollegen Winnie und der Ich-Erzähler. Warum ist Bunge verschwunden? Und vor allem wohin? Wacker gibt keine Antwort, sondern lässt den Leser nur am weitergehenden Alltag der gebliebenen Arbeiter teilhaben.

Wacker reizt die Thematik des Bleibens auf unterschiedliche Weise in seinen 14 Kurzgeschichten aus. Mal brennt der junge Malerlehrling Alex in „Terrakotta“ mit seiner Freundin Carmen durch und lässt seinen Chef Kolb mit seiner Arbeit allein zurück, mal erinnert eine Kurzgeschichte wie etwa „Muffe“ an einen Nachruf eines verstorbenen Freundes.

Die Titelgebende Geschichte „Albuquerque“ ist wohl der Höhepunkt des Erzählbands, denn hier darf der Leser an solch einem Moment der Entscheidung an einer Änderung teilhaben. Ein junger Mann reist aus Braunschweig in die USA, nach Albuquerque, um eine von Fans gesammelte Spende für eine Hüftoperation dem ehemaligen Fußballprofi Ron Michaels zu überreichen. Michaels scheint zunächst die typische Figur, die gefallen ist und nicht mehr aus eigenen Kräften aufstehen kann, doch er ist zufrieden mit seinem Leben, versucht bestmöglich zurechtzukommen. So schafft gerade er es, dem jungen Mann aus Braunschweig eine neue Perspektive zu geben.

„Vielleicht war es doch nicht das Schlechteste, mal rauszukommen. Alles auf eine Karte zu setzen.“ (S. 118)

Wacker zeigt in Albuquerque seinen Blick auf solche Kippmomente, in denen Menschen innehalten, das bisherige Leben an sich vorbeiziehen lassen und dann entscheiden, etwas zu ändern und es beim Alten bleiben zu lassen. Die Sprache der Kurzgeschichte ist nüchtern und ruhig, Pointen gibt es nicht, was dem ein oder anderen Leser ein wenig gewöhnungsbedürftig erscheinen mag. Doch wer sich auf diese unauffällige Art Wackers in Albuquerque einlässt, wird diese Unaufgeregtheit verstehen, denn sie stellt nichts anderes als den Alltag dar.

Florian Wacker: Albuquerque. mairisch Verlag. Hamburg 2014. 160 Seiten. 16,90 Euro.

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