Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

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„Was wäre das Unveränderliche in dir? Das, was in jedem Leben gleich geblieben wäre, egal, welchen Verlauf es genommen hätte?“

„Vieles von dem, was im Roman passiert ist, habe ich nicht selber erlebt, aber ich habe Vieles empfunden. Und beim Schreiben ist es oft so, dass ich etwas Schönes, etwas Trauriges erlebt habe. Dieses Gefühl nehme und schreibe damit eine Szene, in der etwas ganz Anderes passiert. Schwarz auf weiß auf dem Papier ist mir das nie passiert, aber das Gefühl hinter der Szene, das ist echt.“*

Diese Worte vom Autor Benedict Wells selbst verdeutlichen am besten, worum es in Vom Ende der Einsamkeit geht: Große Gefühle, schöne sowie traurige Erlebnisse, die das Leben prägen. Mir fällt es schwer zu glauben, dass Wells nichts von all dem erlebt hat, so sehr konnte er mich mitreißen. In Vom Ende der Einsamkeit, so kitschig der Titel klingen mag, geht es um die Ur-Fragen der Philosophie und Anthropologie: Die Frage nach dem Menschen selbst, nach einem Kern, der jedem Menschen innewohnt und nicht durch Ereignisse beeinflusst oder verändert wird, sondern während des ganzen Lebens gleichbleibt. Besonders Jules, der diese Frage stellt, wird vor Herausforderungen gestellt. Gleiche mehrere Schicksalsschläge stellen sein Inneres auf die Probe.

Jules, Marty und Liz haben eine unbeschwerte Kindheit und führen das Leben einer normalen Familie, bis ein Schicksalsschlag es von Grund auf durcheinanderbringt: Auf der Autofahrt eines Ausflugs verunglücken die Eltern tödlich, innerhalb eines Wimpernschlags sind die drei Kinder Waise und werden auf ein Internat geschickt. Ich-Erzähler Jules, bisher ein wagemutiges und fröhliches Kind, zieht sich zurück und findet kaum Freunde. Seine Geschwister Marty und Liz gehen ihre eigenen Wege. Liz rebelliert, greift zu Alkohol und Drogen und nimmt es mit der Moral nicht allzu ernst. Marty verwandelt sich zu einem Grufti und versteckt sich hinter Büchern und Computerspielen.

Alva wird Jules einzige wahre Freundin. Mit Ende der Schulzeit verlieren sich beide aus den Augen, finden erst nach vielen Jahren wieder zueinander. Alva ist mittlerweile mit dem russischen Schriftsteller Alexander Nikolaj Romanow, den sie bereits als Kind zutiefst verehrte, verheiratet. In Vom Ende der Einsamkeit spielt er eine tragende Rolle. Während es selbst alles um sich herum mit Fortschritt seiner Demenz vergisst, findet Jules zurück zu Alva sowie zum Schreiben, was er nach dem Tod seiner Eltern aufgegeben hat.

Zur Frage nach dem Wesenskern eines Menschen verwebt Wells eine Liebesgeschichte auf Umwegen ein. Dieser Handlungsstrang lockert den recht schwermütigen und philosophischen Teil des Romans auf – und ist auch dringend nötig. Teils wirken Figuren und Handlung konstruiert und plakativ, allen voran Liz, die Melancholie zieht sich durch den gesamten Roman und droht ihn zu erdrücken. Jules erlebt Schicksale, die teilweise überzogen wirken; einige Seiten triefen nur so vor Selbstmitleid. Jules Einsamkeit bleibt mir bis zum Schluss unbegreiflich, immerhin hat er Geschwister, zu denen er eine enge Beziehung hält.

Dennoch fesselte Wells mich mit Vom Ende der Einsamkeit. Es ist seine Sprache, die in seinen Bann zieht. Seine Worte sind sorgfältig gewählt, driften niemals in Kitsch ab und beweisen Wells außergewöhnliche Beobachtungsgabe, wie er selbst sagt, für Menschen und ihre Gefühle.

*Zitat aus https://youtu.be/NnjaZ03uJSA.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes. Zürich 2016. 368 Seiten. 22,00 Euro.

Siehe auch: Die Liebe zu den Büchern, Papiergeflüster

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