Die Liebe einer Frau – Alice Munro

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„Konnte jemand etwas so Teuflisches mit allen Einzelheiten erfinden? Die Antwort lautet ja.“

Selten habe ich mich mit Kurzgeschichten beschäftigt. Eigentlich schon seit Schulzeiten nicht mehr. Nun fiel mir aber Die Liebe einer Frau in die Hände. Ich war zu Besuch bei meiner Schwester und dieses kleine Büchlein mit drei Erzählungen und einem „kurzen Roman“ schrie förmlich danach, mich begleiten zu dürfe. Ich schmöker durchaus gerne in Büchern mit mehr als 500 Seiten. Doch es war ein schönes Leseerlebnis, auch mal zügig durch eine Geschichte zu kommen. Details der einzelnen Erzählungen blieben mir noch lange im Kopf, Munros Sprache hinterließ einen bleibenden Eindruck in mir.

Alice Munro ist eine kanadische Autorin und schrieb mehr als 150 Kurzgeschichten. 2009 wurde sie mit dem Man Booker Prize und 2013 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Ihre Sprache hat etwas Melancholisches, ihr Blick für Details ist scharf. Vor allem kann sie sich in Menschen und ihre Gefühle hineinversetzen. Die Figuren sind facettenreich, die Handlungen nehmen eine schnelle Wendung. So auch in Die Liebe einer Frau. Munro beleuchtet in diesem Werk verschiedene Konstellationen von Frauenbeziehungen. Es geht um die Beziehung von zwei Freundinnen, Mutter und Tochter, einer jungen Frau und ihrer alten Nachbarin sowie einer Krankenpflegerin und ihrer Patientin. Im Kopf geblieben sind mir vor allem letztere beiden.

Der kurze Roman, der den gleichen Titel wie das Sammelband trägt, beginnt zunächst mit drei Jungen, die beim Spielen in einem See eine Leiche entdecken. Es handelt sich um den alten Optiker Mr. Willens, der nun aufgedunsen im Wasser vor sich hintreibt. Womöglich ist er mit seinem Auto von der Straße abgekommen. Schon binnen weniger Seiten treibt Munro die Spannung der Geschichte an die Spitze. Doch die Perspektive wechselt. Der Leser findet sich nun bei der Krankenpflegerin Enid, die sich um die sterbende Mrs. Quinn kümmert.

Zunächst mag diese Wende unverständlich sein, doch Munro lässt löst die Wende nach nur wenigen Seiten wieder auf. Mrs. Quinn beichtet Enid kurz vor ihrem Tod, wie Mr. Willens zu seinem Tode gekommen ist. Der Optiker stellt sich als ein alter Lüstling heraus, der Mrs. Quinn immer und immer wieder bedrängte, sogar vergewaltigte. Das anfängliche Opfer wird binnen weniger Worte, mit einem Schlag, zu einem Täter. Alles in Enid schreit nach Gerechtigkeit. Mrs. Quinns Ehemann, der Mr. Willens erschlug, muss für seine Tat bestraft werden. Sie überlegt sich einen Plan, wie sie ihn zu einem Geständnis bringen kann, entscheidet sich im letzten Moment jedoch, es nicht zu tun. Das Ende bleibt offen.

In einer anderen Kurzgeschichte erläutert Munro die Boshaftigkeit einer alten Frau. Die Erzählerin ist arbeitslos, aber nicht unglücklich. Die alte Mrs. Gorrie setzt ihr nach, erscheint immer vor ihrer Tür mit Keksen in der Hand, um sich mit der jungen Erzählerin über Klatsch und Tratsch auszutauschen. Ein Vorwand, um ihre Neugier befriedigen und im Leben der Erzählerin herumschnüffeln. Mrs. Gorrie schlägt vor, dass die Erzählerin ihrem Mann vorliest, der seit seinem Schlaganfall ans Bett gefesselt ist. Die Erzählerin geht ihrem Wunsch solange nach, bis sie eine Stelle in der örtlichen Bibliothek gefunden hat. Mrs. Gorrie bestraft sie mit ihrem glühenden Zorn, schnüffelt in ihrer Wohnung herum und beleidigt sie in aller Öffentlichkeit.

In Munros Erzählungen ist nichts wie es scheint. Die Abgründe, die sich in diesen Geschichten auftun sind oft menschlich, nicht neu und dennoch unerwartet erschreckend. Munro rüttelt wach, mehr aber auch nicht, denn der Leser wird mit seiner Entscheidung, was gut oder böse, was richtig oder falsch ist, alleine gelassen. Ihre Kurzgeschichten werden sich nun häufiger in meinem Bücherregal finden.

Alice Munro: Die Liebe einer Frau. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. Fischer. Frankfurt am Main 2013. 224 Seiten. 8,95 Euro.

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