Alles Licht, das wir nicht sehen – Anthony Doerr

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„Das Universum ist voller Brennstoff.“

Ich erinnere mich gut daran, dass ich es kaum erwarten konnte, in die 10. Klasse zu kommen. Denn da, endlich, würden wir endlich im Geschichtsunterricht über Hitler und den Zweiten Weltkrieg sprechen. Schon vorher verschlang ich eine Zeit lang alles über den Krieg, das Dritte Reich, den Holocaust. Ich las Anne Franks Tagebuch und Überlebensberichte und schaute Schindlers Liste und Band of Brothers. Irgendwann war ich der Meinung, genug über dieses Thema erfahren zu haben und ließ es auf sich beruhen. Erst im Studium wurde ich mit dem Theaterstück Die Ermittlung von Peter Weiss konfrontiert. Ein ganzes Seminar wurde dem Stück gewidmet und bis heute werde ich die Diskussionen und meine Gefühle dazu nie wieder vergessen. Ich entschloss mich, das Thema nicht mehr links liegen zu lassen und immer wieder zu Romanen, die im Zweiten Weltkrieg spielen, zu greifen.

So kam ich natürlich nicht um Anthony Doerrs Roman Alles Licht, das wir nicht sehen herum. Sein Roman wird von Lesern als auch Kritikern hoch gelobt und Doerr wird sogar mit dem Pulitzer-Preis im vergangenen Jahr ausgezeichnet. Auch wenn ich wegen der Kritiken etwas voreingenommen an das Buch herangegangen bin, kann ich mich ihnen nur anschließen. Doerrs Sprache ist überwältigend. Geradezu poetisch beschreibt er den Schrecken des Zweiten Weltkrieges, ohne ihn abzuschwächen. Gerade weil die Protagonisten zwei Kinder sind, spürte ich als Leser die ganze Lektüre über eine unterschwellige Bedrohung, die nicht zu greifen ist.

Die beiden Kinder sind ein Mädchen, Marie-Laure, und ein Junge, Werner. Marie-Laure ist erblindet und lebt bei ihrem Vater in Paris. Ihr Vater ist Schlüsselmeister in einem großen Museum und kümmert sich geduldig und hingebungsvoll um seine Tochter. Er liebt es, ihr Überraschungen zu machen und überlegt sich immer, wie er seiner Tochter Dinge beibringen kann. So muss sie zum Geburtstag immer die Verstecke von handgeschnitzten Schachteln erraten. Später baut er ihr das Viertel, in dem sie leben, detailgetreu nach, damit Marie lernt, sich zu orientieren. Eingewoben ist ein kleines Märchen. Marie-Laures Vater wird damit beauftragt, den überaus wertvollen und von Mythen umwobenen Stein „das Meer der Flammen“ zu behüten. Bis ein deutscher Stabsfeldwebel Jagd auf ihn macht.

Werner lebt mit seiner Schwester in einem Waisenhaus bei Essen. Er tüftelt gerne und ist vor allem von Radios fasziniert. Mit einem selbstgebauten Radio empfängt er einen französischen Sender, der über Physik und Philosophie erzählt. So bringt er sich immer mehr bei und wird irgendwann sogar von den Nachbarn gerufen, damit er ihnen ihre kaputten Radios repariert. Sein Talent bringt ihn dann an eine Schule des deutschen Reiches und kann dem Denken der Nazis nicht mehr entkommen, obwohl er es für falsch befindet.

Alles Licht, das wir nicht sehen ist in viele kurze Kapitel aufgeteilt. In verschiedenen, auf den Punkt gebrachten Episoden erfährt der Leser immer aus dem Leben beider Kinder. Dabei gibt es Rückblenden, die beide Leben kurz vor Kriegsausbruch beschreiben, als auch Episoden, die sich während dem Krieg abspielen. Die Sprache ist bildhaft und nah an den Protagonisten. Gerade weil Marie-Laure und Werner noch Kinder sind, können sie nicht ganz verstehen, was eigentlich passiert und bemerken zunächst nur die heranschleichende Bedrohung. Dabei bedarf es einer hervorragender Beobachtungsgabe für Menschen und ihre Gefühle. Doch nie rutscht Doerr in seiner Erzählweise in Richtung Stereotypen des Dritten Reichs ab.Die Erzählstränge verlaufen lange parallel, der Spannungsbogen wird immer stärker gespannt, und irgendwann treffen sie endlich aufeinander. Nichts endet, trotz poetischer Sprache, im Kitsch.

Das Buch ist ohne Zweifel ein Meisterwerk über Freundschaft und Liebe, Glaube und Wissen, Mut und Feigheit voll authentischer Charaktere. Doch das Ende zieht sich etwas, es bedarf nicht immer alles einer Erklärung oder Auflösung. Über den Pulitzer-Preis kann man sich aber streiten.

Doerr, Anthony: Alles Licht, das wir nicht sehen. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. C.H. Beck. München 2015. 528 Seiten. 19,99 Euro.

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