Drei auf Reisen – David Nicholls

 

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„Die Ehe ist keine Ebene. Ganz und gar nicht. Sie ist voller tiefer Schluchten, riesiger gezackter Felsen und verborgener Gletscherspalten, sodass sich beide in der undurchdringlichen Dunkelheit nur tastend zurecht finden.“

Schon einmal konnte David Nicholls mich mit seinem Roman Zwei an einem Tag begeistern. Auf eine traurige aber zugleich witzige Art beschreibt Nicholls auch in Drei auf Reisen von einem verheirateten Paar, dem die Liebe abhanden gekommen ist. Auf einer Reise gemeinsam mit ihrem Sohn machen sie sich auf die Suche und verlieren sich dabei selbst.

Seit über 20 Jahren sind Douglas und Connie bereits verheiratet. Ihr Sohn Albie ging aus ihrer Ehe hervor. Connie ist ein typischer Großstadtmensch. Sie liebt es, unter Leuten zu sein und Nächte durchzufeiern, interessiert sich für Literatur und versucht sich als Künstlerin. Douglas ist das genaue Gegenteil von ihr. Er geht kaum aus und widmet sich voll und ganz seiner Arbeit, die auch seine Leidenschaft ist: die Wissenschaft. Douglas’ Schwester lädt beide zu einem Dinner ein mit der Absicht, sie zu verkuppeln. Und entgegen aller Erwartungen verlieben sich die beiden.

Eines Nachts, über 20 Jahre später, wacht Connie plötzlich auf und teilt Douglas mit, sie wolle sich womöglich scheiden lassen. Douglas, der seine Frau immer noch innig liebt, fällt aus allen Wolken. Doch beide raffen sich zu einem letzten Versuch zur Rettung ihrer Ehe während ihrer „Grand Tour“ auf. Geplant ist mit Albie eine Reise durch Europa. Die Eltern wollen ihrem Sohn die wichtigsten Kunststädte Rom, Paris, Brüssel, München, Venedig, Siena, Florenz, Madrid, Barcelona zeigen, da er die Schule beendet hat und bald aufs College gehen wird. In allen Städten war Douglas bereits mit Connie – eine Chance für ihn, Connie an ihre verliebte Zeit zu erinnern. Douglas nimmt sich vor, wie schon so oft, diesmal alles richtig zu machen. Doch nichts läuft nach Plan und letztendlich haut Albie auch noch ab.

Erzählt wird die Geschichte aus Douglas’ Perspektive und der Leser erhält so einen tiefen Einblick in seine Gefühlswelt. Parallel zur Reise erzählt Douglas davon, wie er Connie kennen gelernt und sich ihre Beziehung bzw. Ehe entwickelt hat. Die Geschichte ist charmant und witzig. Fast rührend ist es, von Douglas tollpatschigen Werbungsversuchen zu lesen. Connie jedoch war mir von Anfang an mit ihrem künstlerischen Gehabe unsympathisch. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie Douglas nie richtig geliebt und akzeptiert hat, wie er ist, obwohl er ein fürsorglicher Ehemann ist, der stets darum bemüht ist, es allen recht zu machen.

Auf der Grand Tour macht Douglas so weiter. Er nimmt sich vor, keine schlechte Laune zu verbreiten, sich für jedes Kunstgemälde zu interessieren und keinen Streit mit Albie einzugehen. Bloß keine Widerworte geben und alles richtig machen. In Paris läuft noch alles halbwegs rund und die Familie verbringt eine schöne Zeit miteinander. Doch in Amsterdam knickt Douglas unter dem Druck ein und verscheucht seinen Sohn Albie. Und so geht Douglas allein auf Reisen weiter, auf der Suche nach Albie und auch nach sich selbst.

Drei auf Reisen ist eine Geschichte über Liebe, Schmerz und die Suche nach sich selbst. Schön ist es, dass diese Suche auf Reisen geschieht, denn kaum ein Ort eignet sich besser dafür, über sich im Klaren zu werden, als die Fremde in einem anderen Land. Wem das alles zu kitschig ist, wird am Ende überrascht sein: Ein Happy End ist nicht in Sicht.

David Nicholls: Drei auf Reisen. Aus dem Englischen von Simone Jakob. kein & aber. Zürich 2014. 544 Seiten. 22,90 Euro.

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