Hart auf hart – T. C. Boyle

„So endete es. So endete es immer. So endete es für jeden auf diesem Planeten.“

Der Titel ist vielversprechend. Er klingt ernster, fast bedrohlich. Hart wird es zugehen, kein Buch für Weicheier. Das Ende kann ich mir schon von Beginn an denken. Wie in so vielen Romanen von T.C. Boyle geht es in Hart auf hart um zwei Freaks. Sie sind Außenseiter der Gesellschaft, wollen gar nicht erst Teil von ihr sein. Sara ist 40 Jahre alt und geschieden, dennoch „zufrieden und unabhängig“. Sie schlägt sich gelegentlich als Lehrerin und Hufschmiedin durch. Steuern zahlt sie nicht, eine Versicherung kommt nicht in Frage. Sie legt nicht einmal einen Gurt beim Autofahren an, weil die Gurtpflicht bloß „eine weitere Schikane der Illegitimen Regierung des Amerikas der Konzerne“ ist. Sara lehnt die Staatgewalt ab, nie ist sie „einen Vertrag mit der Republik Kalifornien eingegangen“, und steigert sich in ihre Wut über den amerikanischen Staat rein: Die Presse wird von Kommunisten angeführt und Polizisten sind irgendwelche Menschen in Halloweenkostümen.

Dann gibt es in Hart auf hart noch Adam, Sohn eines Vorzeige-Schuldirektors, Sten Stenson. Vietnamveteran, Bewusstsein für Gereichtigkeit. Adam bekommt nichts in seinem Leben auf die Reihe, wird von einem Psychiater zum nächsten geschickt. Die Eltern haben schon längst alle Hoffnungen aufgegeben. Adam verkriecht sich lieber im Wald, hortet dort seine Waffen und übt sich als Waldläufer wie sein großes Vorbild John Colter, der im späten 18. Jahrhundert den Kampf gegen die Blackfoot-Indianer führte. Er möchte bloß im Wald leben, sich von der Natur nehmen, was er braucht und Opium verkaufen, das er aus seinen Mohnpflanzen gewinnt. Adam will auf seinen eigenen Beinen stehen, unabhängig sein. Der amerikanische Traum?

Boyle hat sich schon oft mit kontroversen Themen, die Amerika beschäftigen, in seinen Romanen auseinander gesetzt. In Ein Freund der Erde malt er ein Zukunftsszenario aus, das eintritt, wenn die Natur und ihre Ressourcen weiterhin so verschwendet werden. In América thematisiert er die Ausländerfeindlichkeit gegenüber illegalen Einwanderern aus Mexiko und die harsche Grenzpolitik. In Hart auf hart treibt er den amerikanischen Traum, den sich jeder Bürger Amerikas verwirklichen kann, auf die Spitze. Kann man sich von der Gesellschaft lossagen und in Freiheit leben? Ist Freiheit mit Demokratie vereinbar?

Während man Sara noch als Verweigerin bezeichnen könnte, muss man Adam als schlicht verrückt erklären. Er leidet unter Verfolgungswahn, sieht überall Aliens oder Asiaten. Sein Haus ist zum Schutz von hohen Mauern umgeben. Wie Colter will er sich ganz und gar nur von seinen Trieben leiten lassen, wie ein Tier im Wald leben. Trotz seiner autistisch-schizophrenen Art verliebt Sara sich in ihn. Sie fühlt sich ihm verbunden und verstanden. Es könnte eine schöne, wenn auch skurrile Liebesgeschichte sein, nur die zwei gegen den Rest der Welt bzw. gegen die amerikanische Verfassung, doch das wäre untypisch für Boyle. Boyle ist Meister darin, seine Protagonisten in rasantem Tempo auf eine Katastrophe zusteuern zu lassen. Ohne Pause, ohne einen kleinen Moment des Innehaltens, geht es in chronologischer Reihenfolge in einem trockenen Ton ohne jeden Anflug von Humor die Spirale abwärts.

Weil Adam einen unschuldigen Mann für einen Chinesen hält und erschießt, wird er von der Polizei gejagt. Wochenlang. Adam ist zu geübt darin, im Wald zu überleben und sich zu verstecken. Dennoch: Am Ende ist es der Staat, der gewinnt, der Gerechtigkeit wieder herstellt. „So endet es. So endet es immer. So endet es für jeden auf diesem Planeten. Man konnte aus Holz sein – dann setzten sie einen in Brand. Man konnte aus Stahl sein – dann spritzten sie einen nass, bis der Rost sein Werk getan hatte. Es gab kein Entkommen, und es spielte eigentlich keine Rolle.“ Wie in vielen Hollywood-Filmen siegt am Ende das Gute über dem Bösen. Doch bei Boyle bleibt immer ein bitterer Geschmack des Zweifels zurück.

T.C. Boyle: Hart auf hart. Carl Hanser Verlag, München 2015. 398 Seiten, 22,90 Euro.

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