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Jessica, 30. – Marlene Streeruwitz

 

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„es ist mir am Ende doch wurscht, ob ich dazu passe, ich strenge mich an, ich strenge mich schon an, aber dann ist es mir auch gleichgültig, weil ich mich nicht von außen sehen kann“

Jessica, 30 läuft. Mit ihr laufen ihre Gedanken. Und mit all ihren Gedanken läuft der Leser mit. Marlene Streeruwitz schreibt in einem fortlaufenden Monolog, Punkte gibt es nicht, bloß kurze aneinander gereihte, teilweise grammatikalisch unvollständige Sätze, die durch Kommata abgegrenzt sind. Zuerst musste ich mich darum bemühen, mit den Gedanken der Protagonistin mithalten zu können. Im weiteren Verlauf schafft man es aber, Jessicas Vorsprung wieder einzuholen, Schritt zu halten. Streeruwitz gewährt mit der Einteilung in drei Kapitel kurze Pausen, um wieder Atem zu holen.

Im Roman geht es um die junge, intelligente und gut aussehende Jessica Somner. Jessica ist 30 Jahre alt und hat Germanistik und Philosophie in Wien studiert. Nach ihrem Studium promovierte sie in Berlin, kehrt danach aber wieder nach Wien zurück. Trotz eigener Wohnung (ihre ehemaligen Mitbewohner meiden sie seit ihrem Auszug) kommt sie nicht aus dem Studentenleben heraus und ist noch finanziell von ihren Eltern abhängig. Jessica versucht sich als Freie Journalistin für ein Frauenmagazin, das noch in den Anfängen steht. Geplant war ein Magazin, das emanzipierte Frauen inspirieren soll. Herausgekommen ist bisher eine Zeitschrift, die über Erfahrungsberichte über das Blondieren der Haare „vom ersten Patzer auf dem Kopf bis zum Abend“ und Sextipps schreibt. Von der überqualifizierten Kulturwissenschaftlerin ist nur noch eine frustrierte und vom Leben enttäuschte Jessica übrig. Dass Jessica keinen Job findet, spiegelt die Generation Praktikum wieder. Trotz Ehrgeiz, Motivation und Flexibilität ist es schier unmöglich, eine vernünftige Festanstellung zu finden. Gibt Jessica auf, sind da immer noch „genug Mäuschen, die schon vom Mitmachen zufrieden sind“. Nicht nur Jessica ist davon betroffen, auch ihre Freundin Tanja. Trotz Psychologie-Studium arbeitet sie für dieses „Massenblatt“, was einem „Abstieg“ oder gar „Verrat“ gleicht, da sie eigentlich etwas ganz anderes machen wollte.

Die Frauenzeitschrift ist einer von vielen unterschiedlichen Aspekten, mit denen Streeruwitz die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und die damit einhergehenden Benachteiligungen kritisiert. So geht es im Frauenmagazin hauptsächlich um das Aussehen von Frauen, das sich nach der oberflächlichen „high-society“ zu richten hat. Jessica ist gegen diese Darstellung, sie will über „normale attraktive Personen, normale witzige 30-Jährige“ schreiben. Gleichzeitig ist sie aber selbst stets um ihr Aussehen und Auftreten bemüht. Nächtliche Fressattacken von Mövenpick Maple Walnut werden direkt am nächsten Tag in eisiger Kälte abtrainiert. Sie kleidet sich, wie die Chefredakteuren Claudia es erwartet und versucht immer cool und ruhig rüberzukommen. Somit unterwirft sich Jessica den Erwartungen einer Frau.

Streeruwitz schreibt über eine junge Frau, die erst versucht sich anzupassen, dabei aber scheitert. Bewusst scheitert. Jessica will sich nicht mehr anpassen müssen. Sie durchschaut die gesellschaftlichen Strukturen und entscheidet sich gegen sie. Ausschlaggebend war für ihre Entscheidung die Affäre mit dem bereits liierten Staatssekretär Gerhard Hollitzer. Jessica ist nur eine von seinen vielen Geliebten. Zusätzlich hat er sexuelle Vorlieben, die Jessica nicht mitmachen will, sie dennoch dazu zwingt. Jessica fühlt ausgenutzt und gedemütigt, in doppelter Hinsicht, da es zu einem Streit kommt, und Gerhard sie nicht mehr aussprechen und dumm wie ein kleines Mädchen dastehen lässt.

Jessica will ihn damit nicht davon kommen lassen und fängt mit Recherchen über seine Partys mit illegalen osteuropäischen Prostituierten an. Mit ihrer Geschichte fliegt sie nach Hamburg zu Stern (das Flugticket hat ihre Mutter bezahlt). Sie träumt davon, mit ihrer journalistischen Arbeit die Republik zu erschüttern, Rache zu nehmen und vielleicht sogar einen eigenen Nutzen aus der Affäre mit Gerhard zu ziehen: Ein Job bei Stern.

Streeruwitz versteht es, Jessica nicht wie eine biestige verbitterte gescheiterte Akademikerin dastehen zu lassen: Jessica ist sich über ihr Handeln völlig im Klaren. Sie genießt es nicht und gesteht, dass sie nicht mehr die „große, edle Person“ ist, die sie eigentlich sein wollte. Dabei ist sie auch nicht so naiv zu glauben, dass es um die ausgebeuteten Frauen geht, sondern lediglich um die Steuergelder, die die Politiker für ihre Sexpartys verschleuderten – wieder eine Kritik von Streeruwitz an die Benachteiligung von Frauen.

Mit Jessica, 30 beschreibt die Autorin eine junge Frau, die kaum Ruhe findet, sich selbst und alles um sich herum in Frage stellt. Erst durch den „Verlust der weiblichen Subversion“ wird sie zur „aufgeklärten Frau“. Die Unterdrückung der Frauen sowie Macht- und Gesellschaftsstrukturen werden von Streeruwitz unverblümt angegriffen. Bemerkenswert ist dabei die Konsequenz, die Streeruwitz in dem Roman verfolgt. Die Erzähltechnik des Inneren Monologs, eingeführt von Arthur Schnitzler in seiner Novelle Leutnant Gustl, scheint die einzig passende zu sein. Jessica öffnet sich nur dem Leser, nie ihrem Mitmenschen. Zu groß könnten die Konsequenzen sein. Zudem unterstreicht der Stil die Tätigkeit der Protagonistin. So atemlos wie ihr Leben verläuft, so atemlos liest man es.

Marlene Streeruwitz: Jessica, 30. Fischer, Frankfurt 2006. 256 Seiten. 18,90 Euro.

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2 Kommentare zu „Jessica, 30. – Marlene Streeruwitz

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